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Die Evidenz journal
 
 

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In einer der reichsten Städte der Welt haben rund 1,4 Millionen Menschen nicht genug zu essen. Einrichtungen wie die Yorkville Common Pantry versuchen, ihre Not zu lindern PDF Print E-mail
Written by Administrator   
Thursday, 07 June 2012 18:36

Es ist häufig nur ein Straßenzug, der das Elend von ausuferndem Luxus trennt. Die 96. Straße in Manhattan ist eine solche Grenze. Sie scheidet East Harlem von der Upper East Side, sozialen Wohnungsbau und Obdachlose auf der einen Seite von Portiers in Uniformen und bewachten hotelartigen Residenzen auf der anderen. Die Diskrepanz zwischen Reichtum und Armut hat in den Vereinigten Staaten ein neues Rekordhoch erreicht. Seit Jahrzehnten waren nicht mehr so viele Menschen so arm und so wenige so reich. Die Spaltung ist nach Angaben des World Factbook des Geheimdienstes CIA sogar größer als in Schwellen- und Entwicklungsländern wie Russland, China, Ägypten oder Jemen. Eine Stadt, in der diese Unterschiede besonders deutlich zu sehen sind, ist New York.

Nur wenige Straßen weiter nördlich der 96. befindet sich die Yorkville Common Pantry. Es ist Freitagmorgen. Die Kantine im Kellergeschoß in der 109. Straße, nur einen Steinwurf vom Central Park entfernt, schließt gerade ihre Türen. Ein paar Küchenangestellte putzen noch die Schaufenster und Stahlbecken der Theke. An einigen Tischen sitzen vereinzelt Bedürftige, trinken Kaffee und unterhalten sich leise. »Wir brauchen diesen Ort.« »Immerhin haben wir hier jeden Tag etwas zu essen«, sagen Monica und Benjamin Rodriguez. Sie kamen aus Cleve­land, Ohio, nach New York. Dort hatte Benjamin noch als Bauarbeiter oder als Koch in Restaurants gearbeitet. In New York wollten die beiden neu anfangen. Aber einen Job fanden sie hier nicht. Nun schlafen sie auf den Stufen der benachbarten Kirche, die auch die Vermieterin der Räumlichkeiten der Yorkville Common Pantry ist. Die 200 Dollar in »Food Stamps«, die vom staatlichen SNAP-Programm ausgegebenen Essensmarken, seien schon Mitte des Monats aufgebraucht, erzählt Monica. Und die Marken können nur gegen kaltes Essen eingetauscht werden. »Noch nicht einmal eine Tasse heißen Kaffee dürfen wir damit kaufen.« Das bedeutet, dass man eine Küche braucht, um die Lebensmittel zuzubereiten. Auf der Straße geht das nicht.

Auch Joseph Midgley hat das Frühstück gerade hinter sich, jetzt liest er Zeitung. »Ziemlich trostlos« seien seine Aussichten, meint der 47jährige Afroamerikaner aus der Bronx nachdenklich. Die Angebote der städtischen Arbeitsvermittlung »Workforce1« seien nichts anderes als eine »Drehtür«. »Sie bieten nur kurzzeitige Beschäftigungen, man ist schnell wieder draußen, ohne Arbeit.« Seit Mai geht das so, nach Jahren seiner Tätigkeit als Marktforscher. Er schüttelt den Kopf über die aggressiven Versuche der Republikaner, die Sozialprogramme für Arme zu kürzen. »Viele Menschen sind auf sie angewiesen.« Doch gleichzeitig sei es sehr schwer, für deren Erhaltung zu kämpfen. Die Betroffenen hätten Angst, darüber zu sprechen, sich zu organisieren und zu wehren, sagt er. »Viele hier haben aufgegeben.« Manche seien in dieser Lage seit fünf, zehn oder sogar 15 Jahren. »Da bleibt wenig Energie.«

Doch die wäre dringend nötig. Ohne eine starke Lobby sind es gerade die Ausgaben für Arme, die den aktuell immer wiederkehrenden Budgetverhandlungen zum Opfer fallen. Und das, obwohl die Zahl dieser Menschen nach einer Untersuchung der US-Statistikbehörde im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht hat. 15,1 Prozent der US-Bevölkerung leben offiziell in Armut. In absoluten Zahlen sind das 46 Millionen Menschen, der höchste Wert seit 60 Jahren. In New York sieht es noch schlimmer aus. Ein Fünftel der Bevölkerung ist hier nach der jüngsten Erhebung mittellos, rund 1,6 Millionen Menschen. Allein zwischen 2007 und 2009 sind 75000 Menschen ins Elend abgerutscht, soviel wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Und 1,8 Millionen sind auf Lebensmittelmarken angewiesen. Die meisten von ihnen, rund 1,4 Millionen, müssen zusätzlich die kostenlose Notversorgung der Suppenküchen nutzen.

Dennoch haben die das Repräsentantenhaus beherrschenden Republikaner im Frühjahr drastische Einschnitte im »Emergency Food Assistance Program« (TEFAP) in Höhe von 20 Prozent beschlossen, das sind 51 Millionen Dollar. Ihnen sind die Sozialleistungen ein Dorn im Auge. Das Bundesprogramm sichert die Versorgung der Suppenküchen mit Nahrungsmitteln und ist der größte Einzelposten unter den Geldern für Lebensmittelversorgung der sozia­len Einrichtungen. Sollte der Senat, die zweite Kammer im US-Kongress, diese Kürzungen absegnen, würde alleine in New York ein Netzwerk von rund 1000 lokalen Einrichtungen ein Sechstel der Mittel für Essen verlieren, sagt Daniel Reyes, Programmdirektor der Yorkville Common Pantry. Auf die Stadt verteilt gäbe es zehn Millionen Mahlzeiten im Jahr weniger. »Dies wäre eine Katastrophe für die Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind.« Auch dem SNAP-Programm, und damit bei den Lebensmittelmarken, drohen in den gegenwärtigen Haushaltsverhandlungen massive Kürzungen. Im Gegensatz zu höheren Steuern für Reiche seien Einschnitte in diesem Bereich einfach, »weil die Armen keine Millionen für Lobbyisten haben und nicht demonstrieren«, so Reyes. Auch repressive Maßnahmen verhinderten Widerstand. Empfängern von Lebensmittelmarken werden ihre Fingerabdrücke abgenommen. Obdachlose in New York müssen einen Lichtbildausweis mit sich führen. Viele von ihnen haben allerdings keinen und können daher jederzeit festgenommen werden. Deshalb versuchen sie, möglichst wenig aufzufallen. Hinzu kommt, dass ein großer Teil der Betroffenen im höheren Alter ist. »Sie glauben, dass sie machtlos sind.«

Die Rente reicht nicht

Ein Paket muß für drei Tage reichen: Schüler und

Ein Paket muss für drei Tage reichen: Schüler und Studenten bereiten im Lagerraum das Essen vor

Foto: Philipp Schläger

Vor dem Eingang der Suppenküche hat sich eine Schlange gebildet. Heute sind es Rentner und Behinderte. Familien und arbeitende Arme kommen samstags. Es ist neun Uhr, die Verteilung der Lebensmittelpakete beginnt um zehn. In der Reihe wartet auch Perlita Carrera. Ihre Rente in Höhe von 600 Dollar reiche nicht für Lebensmittel für den ganzen Monat, erklärt sie. »In den letzten ein, zwei Wochen wird es knapp.« Das zweiwöchentliche Lebensmittelpaket von der Yorkville Common Pantry ist da eine willkommene Unterstützung für die 73jährige. Und »die Qualität der Lebensmittel ist sehr gut«. Auch wenn sie dafür immerhin rund eine Stunde vor Öffnung der Türen warten muss.

In dem Lagerraum im Erdgeschoß bereiten zahlreiche freiwillige Helfer das Essen vor. Drei Tage lang soll das Paket mindestens reichen, mit drei Mahlzeiten pro Tag. Einige Schüler und Studenten sind gekommen, auch ein paar Mitglieder einer christlichen Organisation. Sie schälen Maiskolben, packen Reis und Nudeln, tiefgefrorenes Fleisch und Brot in Tüten. Nun bewegt sich die Schlange, die ersten legen die Lebensmittel in ihre Einkaufstrolleys. Am Eingang stehen Kisten mit Kartoffeln, Zwiebeln, Paprika, Orangen und anderem Obst und Gemüse. Auf kleinen »Einkaufszetteln« kreuzen die Wartenden ihre Auswahl an. Vier verschiedene Produkte können sie sich nach eigenen Wünschen zusammenstellen. Die freiwilligen Helfer packen sie je nach Bestellung in Plastiktüten.

Mindestens die Hälfte der Nahrungsmittel, die hier ausgegeben werden, ist frisch. Mit dem TEFAP-Geld kauft Yorkville vor allem Obst und Gemüse von Bauern aus der Umgebung in Upstate New York, erklärt Reyes. Die gemeinnützige Einrichtung kann es sich daher sogar leisten, wenig gesunde Spenden der Lebensmittelindustrie abzulehnen. Ein Gesicht der Armut in East-Harlem sei der hohe Anteil von Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeit, so Reyes.

Das gilt für die ganze Stadt. »Alleine in New York City leben drei Millionen Menschen in Bezirken, in denen kaum erschwingliches, gesundes Essen angeboten wird, was die Lage vieler Einwohner verschlechtert«, informiert die Vorsitzende der New Yorker Foodbank, Lucy Cabrera. Organisationen wie die Foodbank sammeln Lebensmittel zentral, um sie an die Suppenküchen, auch die Yorkville Common Pantry, zu verteilen. Neben den niedrigen Einkommen in der Umgebung und einem schlechten Nahrungsmittelangebot hätten die gesundheitlichen Probleme der Menschen auch mit deren kulturellem Hintergrund zu tun, erklärt Reyes. In East Harlem dominiere beispielsweise neben der afroamerikanischen Esskultur des Südens der USA die mexikanische und die puerto-ricanische Küche – traditionell schweres Essen mit viel Fett und Salz. Mit Kochkursen will die Pantry daher zeigen, wie man frische Zutaten verwendet. »Wenn eine Süßigkeit einen Dollar kostet und Gemüse drei, entscheidet in der Regel das Einkommen«, weiß Reyes. Und das ist hier, wie in vielen anderen Teilen New Yorks zu niedrig.

An jeder Ecke sparen

Ihnen sind die Lebensmittelkarten ausgegangen: Carina Graham mit

Ihnen sind die Lebensmittelkarten ausgegangen: Carina Graham mit Onkel Pedro Morales, der siebenjährigen Jada und ihrem Bruder All, vier. Im Kinderwagen der einjährige Carson

Foto: Philipp Schläger

Auch Marck Mervilus ist zum Abendessen in die 109. Straße gekommen. Er gehört zu denjenigen, die einen Job besitzen. »Nur weil jemand Arbeit hat, heißt das noch lange nicht, dass er sich Essen leisten kann.« 7,25 Dollar verdiene er pro Stunde, den gesetzlichen Mindestlohn, erzählt der 52jährige Afroamerikaner. Schon die Zweizimmerwohnung koste 1000 Dollar und verschlinge den größten Teil des Einkommens. »Da muss man an jeder Ecke sparen.« Mervilus arbeitet als Sicherheitsmann in einem Kaufhaus, zwölf Stunden am Stück. Sitzen ist nicht erlaubt. »Am Abend bist du so kaputt, dass du am nächsten Tag nichts mehr machen kannst.« Und er ist nicht alleine. Jeder fünfte in den Suppenküchen hat eine Beschäftigung, so Lucy Cabrera von der New Yorker Foodbank. Fast 60 Prozent von ihnen hätten sogar einen Vollzeitjob. Darunter seien Menschen mit einem geringen und sogar Leute mit mittleren Einkommen. Dennoch reiche das Geld nicht, um in New York über die Runden zu kommen, so Cabrera. Viele müssten sich entscheiden, ob sie mit ihren Einnahmen die Miete und andere Rechnungen oder das Essen bezahlen.

Die Beratungsstelle der Yorkville Pantry will das ändern. Sie klärt Bedürftige über ihre Rechte auf und hilft bei Anträgen für Lebensmittelmarken, gibt Rat bei Fragen zu Steuern und zur staatlichen Gesundheitsversicherung für Arme, Medicaid. Um die Wartezeit nach Antragstellung zu überbrücken, bekommen Bedürftige hier ein Notpaket. Kontrollen gibt es nicht. Jedermann kann hierher kommen, »Mitglied« werden, duschen und ein Frühstück oder eine frisch zubereitete warme Mahlzeit genießen. 1,8 Millionen Rationen hat die Pantry im vergangenen Jahr verteilt. Tendenz steigend. Denn seit Mai wächst auch die Zahl der Hilfesuchenden wieder und erreichte nach Auskunft von Reyes mitunter bis zu 7000 Menschen pro Woche. Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise 2008 waren es rund 8000.

»Mehr Menschen als Jobs«

Am schlimmsten steht es um diejenigen, die gar keine Arbeit haben. »Es gibt mehr Menschen als Jobs«, sagt ­Darrell Fortune frustriert. Während drinnen Bedürftige ihre Wäsche waschen und duschen, wartet der 47jährige aus der Bronx vor dem Gebäude auf das Abendessen. Er halte sich jetzt mit Gelegenheitstätigkeiten über Wasser. Für eine längere Zeit habe er in einer Druckerei gearbeitet, danach pflegte er auf einem Golfplatz den Rasen. »Ich arbeite mit den Jahreszeiten.« Zuletzt hatte Fortune eine Beschäftigung als Bote in New York. »Zu Fuß, auf dem Fahrrad, was gerade anfiel.« Teppichmuster, Einkaufstüten oder andere dringende Sendungen transportierte er durch die Metropole. Dann gab es eine verbale Auseinandersetzung mit einer Kundin, und er verlor auch diesen Job. Das war vor rund fünf Monaten. Seitdem hat Fortune nichts mehr gefunden. »Das ist die schlimmste Situation auf dem Arbeitsmarkt seit langem. Die Rezession ist real, nicht nur Geschwätz.« Schon seit rund einer Stunde steht er nun in der Schlange für das Abendessen. »Wenn ich arbeite, brauche ich es weniger, komme aber immer noch hin und wieder hierher.« Und jetzt, ohne Arbeit, ist er froh, dass es die Einrichtung gibt. »New York machen sie zu einer Stadt der Reichen. Keiner interessiert sich für die Armut hier.«

Noch schlimmer als die Armut und die Not vieler Besucher der Pantry ist der Anblick von Kindern. Zum Abendessen sitzt Oswald Ochoa mit seinen Kindern hier an einem Tisch in der Kantine. Er komme nur »hin und wieder« zur Pantry, sagt der pensionierte Polizeibeamte. Auch wenn er nicht darauf angewiesen sei, helfe das kostenlose Essen im Alltag. Der Preis von Lebensmitteln steige stetig. Ochoa wohnt in East Harlem, auch dort sehe er immer mehr Obdachlose. »Die Armut nimmt zu.« Es sei traurig. »Es muss nicht sein, dass Menschen so arm sind«, sagt er. Mit ihren Kindern und einem Verwandten ist auch Carina Graham in die Kantine gekommen. Gemeinsam mit Onkel Pedro Morales sitzen die siebenjährige Jada und ihr Bruder All, vier, an einem Tisch. Der einjährige Carson liegt im Kinderwagen und trinkt aus seiner Flasche. Auch ihnen sind die Lebensmittelmarken ausgegangen. »Gegen Ende des Monats wird es immer eng«, sagt Carina. Die Familie aus Harlem lebt von »Scheck zu Scheck«, trotz Jobs. »Es geht ums Überleben. Eine Mittelschicht gibt es nicht mehr«, meint Pedro, »entweder bist du arm, oder du bist reich.« Immerhin habe sie inzwischen eine Wohnung für ihre Familie, erzählt Carina. Nach einem Brand in ihrem Haus in der Bronx mussten sie zehn Monate in einer Notunterkunft leben. Hätte sie die Hilfe der Pantry nicht, würden sie noch mehr kämpfen und auf ihre Verwandten setzen müssen. Die Pantry habe ihr auch bei den Anträgen für Essensmarken geholfen. Um Geld zu verdienen, putzt ihr Mann Büros und verdient ein wenig extra mit kleineren Reparaturjobs. »Nie hätte ich gedacht, dass wir zum Essen in eine Suppenküche gehen müssen«, sagt sie und blickt auf ihre Kinder.